Ich bin mit der HfG Ulm aufgewachsen — nicht biografisch, aber ästhetisch. Das Raster, die Reduktion, das Verbot des Ornaments: Das sitzt bei mir tief, und ich habe es nie ganz abgeschüttelt. Umso mehr habe ich das Recht, die Frage zu stellen, die sich in Fachkreisen niemand traut: Was war da eigentlich wirklich, zwischen 1953 und 1968 auf dem Ulmer Kuhberg? Eine Revolution der Gestaltung — oder eine liebgewordene Legende, gepflegt von einer kleinen intellektuellen Elite, die sich gegenseitig zitiert?
Die ehrliche Antwort ist unbequem für beide Lager: Es war beides.
Ein moralisches Projekt, kein Designprojekt
Man versteht die HfG nicht, wenn man sie als Designschule liest. Sie war zuerst ein moralisches Projekt. Inge Scholl, Schwester der ermordeten Geschwister Scholl, und Otl Aicher wollten nach 1945 nichts weniger als die geistige Neugründung Deutschlands — finanziert unter anderem mit amerikanischen Re-Education-Geldern und über die 1950 gegründete Geschwister-Scholl-Stiftung. Design war das Vehikel, nicht das Ziel.
Die These dahinter: Wer die Dingwelt demokratisiert, demokratisiert die Gesellschaft. Ein aufgeräumter Alltag als Antithese zum völkischen Kitsch. Das erklärt den moralisierenden Ton, der mich bis heute an vielen Ulmer Texten stört — und der zugleich ihre Fallhöhe ausmacht. Diese Leute glaubten ernsthaft, dass ein Radiogehäuse eine ethische Aussage ist. Das kann man belächeln. Man kann es aber auch als das lesen, was es war: der Versuch, einer neu entstehenden Disziplin ein theoretisches Fundament zu geben, bevor der Markt sie zur reinen Verkaufskosmetik degradiert.
Die Kernideen — in vier Sätzen
Erstens: Gestaltung ist keine Kunst, sondern eine wissenschaftlich fundierte Disziplin — Ergonomie, Semiotik, Soziologie, Mathematik gehörten zum Lehrplan. Zweitens: Nicht das Einzelobjekt zählt, sondern das System — Baukasten, Modul, Raster, Serienfertigung. Drittens: Form folgt nicht dem Geschmack, sondern der Funktion und dem Fertigungsprozess. Viertens: Der Gestalter trägt gesellschaftliche Verantwortung für die industrielle Umwelt, die er mit erschafft. Das nannte sich später „Ulmer Modell" — und es war die eigentliche Innovation: nicht ein Stuhl, sondern eine Methode.
Wer konnte sich das leisten?
Die HfG war ein Milieu-Phänomen: protestantisch geprägtes Bildungsbürgertum, entnazifizierungswillige Intellektuelle, internationale Stipendiaten, dazu Industriellensöhne wie Erwin Braun, die das Ganze als Kunden alimentierten. Studieren konnte dort, wer sich jahrelange Grundlehre ohne unmittelbare Verwertbarkeit leisten konnte — im Wirtschaftswunderland eine winzige Minderheit. Die HfG diskutierte über die richtige Kaffeekanne, während das Land Nierentische kaufte. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Reichweite ist der Kern der Legendenbildung: Ein kleiner Kreis produzierte enorme diskursive Fallhöhe, und Fallhöhe erzeugt Mythos.
Fünfzehn Jahre — und fünfzig Jahre Nachhall
Gründung, Konflikte, Auflösung — und die Werke, die die Institution überlebt haben.
Der TC-100-Test: Ist ein Stapelgeschirr eine Legende wert?
Nehmen wir den härtesten Fall: Nick Roerichts TC 100 von 1959. Ein Diplomand entwirft stapelbares Systemgeschirr für Kantinen — modular, funktional, raumsparend, normiert. Bahnbrechend? Aus heutiger Sicht wirkt das wie eine Selbstverständlichkeit, über die man keine Doktorarbeit schreiben müsste. Aber genau das ist der Denkfehler der Rückschau: 1959 war die Vorstellung, ein Geschirr nicht als Service mit Dekor, sondern als logistisches System zu denken — vom Spülvorgang über die Lagerhöhe bis zur Bruchquote —, tatsächlich neu.
Das TC 100 wurde von Rosenthal/Thomas in Serie produziert, stand jahrzehntelang in Mensen und flog mit der Lufthansa. Es hat funktioniert, im wörtlichsten Sinn. Interessiert das nach über fünfzig Jahren noch jemanden? Die ehrliche Antwort: außerhalb von Designmuseen und Seminaren kaum. Aber die Frage ist falsch gestellt. Niemand interessiert sich für das erste Normteil einer Schraubverbindung — und trotzdem hält es unsere Welt zusammen.
Die Legende gilt nicht dem Teller. Sie gilt dem Beweis, dass man Alltag als System entwerfen kann.
Institution oder Individuen? Eine unbequeme Inventur
Und damit zur Kernfrage: War die HfG eine geniale Institution — oder nur die zufällige Adresse einiger außergewöhnlicher Einzelpersönlichkeiten? Meine These nach vielen Jahren Beschäftigung mit dem Thema: Die Institution war schwächer, als der Mythos behauptet, und die Individuen waren stärker, als die Institutionsgeschichte zugibt. Man sieht es, wenn man die Biografien einzeln durchgeht — und wenn man, wie im Diagramm oben, die tatsächlich produzierten Stückzahlen nebeneinanderstellt.
Bill und Gugelot: wirklich so mager?
Die Provokation, die Bilanzen von Bill und Gugelot seien „relativ mager", halte ich nur zur Hälfte für berechtigt. Bei Gugelot stimmt die Werkliste-Arithmetik — aber M125, SK 4 und der Carousel-Projektor sind drei Systementwürfe, von denen jeder eine ganze Produktgattung definiert hat, und er starb mit 45. Das ist kein mageres Werk, das ist ein abgebrochenes. Bei Bill ist der Befund fast umgekehrt: Als Rektor und Ideologe gescheitert, hat er mit den Junghans-Uhren ausgerechnet das langlebigste kommerzielle Produkt der ganzen Ulmer Sphäre geschaffen — man kann es 2026 neu kaufen. Wenige Modelle, ja. Aber welcher Gestalter hat ein Produkt im Programm, das nach 65 Jahren unverändert verkauft wird?
Der Fall Engler — Zeitgeist ohne Hochschule
Und dann ist da ein Name, der in keiner Ulm-Chronik auftaucht und die ganze Institutionsfrage auf den Kopf stellt: Heinz H. Engler. Er lebte und arbeitete in Biberach, keine vierzig Kilometer von Ulm — und hat mit dem Systemgeschirr „B 1100" für Bauscher das meistverkaufte Hotelporzellan der Welt entworfen, seit 1962 unverändert in Produktion, dazu die Glasserien für Stölzle. Stapelbar, bruchsicher, radikal reduziert: reinster Ulmer Geist. Nur war Engler nie an der HfG. Er hatte nicht einmal ein Hochschulstudium — gelernter Töpfer, Fachschule für Keramik, autodidaktisch bis zur Professur. Im Balkendiagramm oben ragt ausgerechnet sein Balken am höchsten — der eines Außenseiters.
Das führt zur ketzerischen Frage: Was war damals eigentlich Zeitgeist — und was war HfG? Vielleicht lag die „gute Form" ohnehin in der Luft, und die Hochschule war nicht ihre Quelle, sondern ihr lautester Verstärker. Engler beweist, dass man den Ulmer Gedanken auch ohne Ulm haben konnte — vielleicht sogar wirkmächtiger, weil näher an der Fabrik als am Seminar.
Es ist dieselbe Beobachtung, die heute im Silicon Valley wiederkehrt: Sam Altman brach sein Studium in Stanford ab, Elon Musk verließ sein dortiges Promotionsprogramm nach zwei Tagen. Die prägenden Figuren einer Umwälzung sind oft nicht die Musterschüler der zuständigen Institution, sondern jene, die den Zeitgeist früher gerochen haben als ihre Lehrpläne. Institutionen adeln Ideen — erfinden sie aber selten allein. Genau das ist die unbequeme Pointe der ganzen Ulmer Legende.
Was wirklich nachhallt — und was heiße Luft war
Ziehen wir nüchtern Bilanz. Heiße Luft war: der Anspruch, Gestaltung vollständig zu verwissenschaftlichen. Die Methodengläubigkeit, die in den letzten Ulmer Jahren jede Entwurfsfreude erstickte. Der moralische Alleinvertretungsanspruch, der jeden Dekor-Teller zum zivilisatorischen Rückfall erklärte. Und ein guter Teil der Legendenpflege danach — betrieben von Absolventen, die ihre Biografie musealisierten.
Substanz war: das Systemdenken, das heute in jedem Designsystem, jedem Baukasten, jeder Komponentenbibliothek steckt. Die Corporate Identity als Disziplin — Aichers Erfindung, ohne die es weder Markenführung noch mein eigenes Berufsleben in der B2B-Kommunikation so gäbe. Die Designmethodik Maldonados und Bonsiepes, die über Umwege zur heutigen UX-Ausbildung wurde. Das Rastersystem in der visuellen Kommunikation. Und die Braun-Formensprache, die über Rams direkt in das iPhone eingewandert ist — die vielleicht größte stille Übernahme der Designgeschichte.
Ulm gegen das Erdbeben
Und dann der Vergleich, der sich mir seit Monaten aufdrängt: Gegen das, was die aktuellen KI-Modelle gerade auslösen, wirken die Ulmer Debatten wie ein Streit um die Wölbung einer Untertasse. Das stimmt — und es stimmt nicht. Die KI-Revolution ist ein Erdbeben, das die Gesellschaft bis in die letzten Winkel erschüttert; die HfG war bestenfalls ein lokales Beben der Stärke drei. Aber die Frage, die auf dem Kuhberg gestellt wurde, ist exakt die Frage von heute: Wie gestaltet man eine neue, mächtige Technologie so, dass sie dem Menschen dient und nicht umgekehrt? Wer trägt Verantwortung für die Systeme, die er in die Welt setzt?
Die Ulmer hatten dafür ein zu kleines Objekt — Toaster statt Transformer — aber die richtige Haltung. Dass heute über „Alignment" gestritten wird wie 1958 in Ulm über die richtige Methode, inklusive Moralisierung, Sektenbildung und Rektoratskrisen, ist eine Ironie, die Maldonado gefallen hätte.
Mein Fazit: Legende ja — aber eine verdiente
Die HfG Ulm war überschätzt als Institution und wird unterschätzt als Impuls. Fünfzehn Jahre, permanent unterfinanziert, zerstritten, am Ende von einem Landtag abgewickelt, der mit dem Anspruch nichts anfangen konnte. Gemessen an der eigenen Weltverbesserungsrhetorik: gescheitert. Gemessen daran, was eine Handvoll Menschen in einem Betonbau auf einem Hügel über Ulm in die Welt gesetzt haben — eine Disziplin, eine Methode, ein Erscheinungsbild der Bundesrepublik, und über Umwege die Formensprache der Geräte, auf denen dieser Text gelesen wird —: erstaunlich erfolgreich.
Ich bleibe also bei meiner wohlwollend-kritischen Haltung. Man muss die Legende nicht glauben, um das Erbe zu nutzen. Ich sitze beim Schreiben dieses Textes an einem Raster, in einer reduzierten Typografie, mit einer einzigen Akzentfarbe — und weiß genau, woher das kommt.
